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Fischkonsum mit drastischen Folgen

Im Jahr 2050 werden sich Millionen von Menschen im globalen Süden ihr Grundnahrungsmittel Fisch nicht mehr leisten können – sie werden ihn exportieren, statt ihn zu essen.

Prognose für die weltweite Fischversorgung

Im Januar 2018 veröffentlichte der WWF seinen Report zur weltweiten Fischversorgung der Zukunft. „Wenn wir es richtig angehen, werden wir in 35 Jahren mehr Fisch sowohl im Ozean als auch in den Netzen haben. Allerdings wird der gefangene Fisch sehr wahrscheinlich nicht dort landen, wo die Menschen ihn zum Überleben brauchen“, so Karoline Schacht, Fische­reiexpertin des WWF und Co-Autorin der Studie: „Obwohl wir also im besten Fall mehr Wildfisch zur Verfügung haben, könnten in Zukunft weniger Menschen davon profitieren. Wir müssen Fisch ge­rechter verteilen.“

Die vom WWF beauftragten Wissen­schaftler der Universität Kiel analysier­ten, wieviel Meeresfisch im Jahr 2050 nachhaltig gefangen werden kann und berechneten erstmals, ob diese Menge für alle Menschen reichen wird. „Unser Fischkonsum im globalen Norden wird zukünftig erheblichen Einfluss auf die Lebensbedingungen der Menschen ha­ben, die viel stärker von Fisch abhängig sind als wir“, so Schacht. Für die Versor­gung des Weltmarktes mit Fisch spielen Entwicklungsländer eine immer größere Rolle. Rund 61 Prozent des weltweiten Fischexports stammen aus Ländern des globalen Südens. Gleichzeitig ist in diesen Ländern die Abhängigkeit von Meeresfisch als Nahrungsmittel und Proteinquelle viel höher als beispiels­weise in Europa.

Nachhaltiger Fischfang als Lösung

Den Prognosen der Wissenschaftler folgend, kann der wachsende weltweite Bedarf an Fisch nur dann annähernd ge­deckt werden, wenn das globale Fische­rei-Management deutlich verbessert, die Auswirkungen auf die Meeresumwelt verringert und der Schutz der Biodi­versität und der marinen Lebensräume sichergestellt werden. Die jährliche Gesamt-Fangmenge ließe sich unter diesen Bedingungen auf 137 Millionen Tonnen steigern. Seit Jahrzehnten stagniert sie bei rund 100 Millionen Tonnen. „Voraussetzung für höhere Fänge ist eine ganzheitliche Betrachtung des Ökosystems Meer sowie ein effektives Fischerei-Management, das gesunde Fischbestände zum Ziel erklärt und seine Regeln mit Nachdruck durchsetzt“, so Karoline Schacht vom WWF. Dagegen würden die zukünftigen Weltfischereierträge drastisch sinken, wenn das derzeitige Fischerei-Management sich nur geringfügig verschlechtert. Ange­sichts der Herausforderung künftig mehr Menschen versorgen zu müssen, ist ein Verharren im Status quo des Fischerei-Managements keine Option. „Mit der Weltbevölkerung wächst auch ihr Fischbedarf. Weniger Fisch wäre vor allem für jene 800 Millionen Menschen eine Katastrophe, für die Fisch die wich­tigste Proteinquelle oder ihr wirtschaft­liches Standbein ist“, warnt Schacht. Da sich die Staatengemeinschaft bis 2030 zum Ziel gesetzt hat, den Hunger in der Welt zu beenden, fordert der WWF die internationale Politik dazu auf, in ihren Aktionsplänen für die Umsetzung der nachhaltigen Entwicklungsziele des Fischfangs stärker zu betonen und lang­fristig eine faire und gerechte Verteilung des Fisches sicherzustellen.

Auch der Zustand der Fischbestände in Europas Gewässern müsse drastisch verbessert werden, um die Importab­hängigkeit des europäischen Marktes zu verringern. Europa importiert knapp ein Fünftel des weltweit gehandelten Fi­sches. Daher der Appell an die Verbrau­cher in Deutschland und Europa, Fisch als Delikatesse und nicht als alltägliches Konsumgut zu betrachten und sich beim Kauf auf nachhaltige Produkte nach Empfehlung des WWF Fischratgebers (wwf.de/fischratgeber) zu entscheiden.

Fischkonsum in Deutschland

Fischer mit Thunfisch. Foto © Gregg Yan / WWF

Fischer mit Thunfisch. Foto © Gregg Yan / WWF

Bereits am 29. April, dem deutschen Fish Dependence Day, hatte Deutschland den Fisch aus eigener Fischerei rech­nerisch für das Jahr 2017 aufgebraucht und musste auf Importe setzen. 87 Pro­zent des hierzulande verzehrten Fisches werden nämlich eingeführt.

„Deutschland kann sich nur vier Monate lang selbst mit Fisch versorgen, für den Rest des Jahres essen wir importierten Fisch, der oft anderswo fehlt. Die Über­fischung der europäischen Bestände ist dafür mitverantwortlich“, erläutert Stella Nemecky, Fischereiexpertin des WWF. Fast die Hälfte der Fischbestände in EU-Gewässern gilt als überfischt. „Angesichts der Überfischung in eigenen Gewässern ist der große Appetit der Eu­ropäer auf Fisch weder nachhaltig noch fair. Mit der hiesigen Nachfrage steigt der Fischereidruck in anderen Teilen der Welt. Wir exportieren Überfischung und beeinflussen damit das Leben von Men­schen, die stärker von Fisch abhängig sind als wir.“

Doch auch die Politik ist gefragt, die Überfischung in europäischen Meeren und damit die Importabhängigkeit zu reduzieren. „Europa hat hochproduktive Meere, allerdings müssten wir besser damit umgehen und Fischerei nachhal­tig betreiben“, fordert WWF-Expertin Nemecky. Deutschland könnte sich drei Monate länger selbst mit Fisch aus ei­gener Fischerei versorgen, wenn nur 43 der Fischbestände im Nordost-Atlantik bis zur gesunden Größe wiederaufgebaut und nachhaltig bewirtschaftet würden.

Welchen Fisch kaufen?

Welchen Fisch kann man mit gutem Ge­wissen essen? Diese Frage beantwortet der Fischratgeber des WWF, der Ver­braucher mittels Ampelsystem wertvolle Orientierung an der Fischtheke gibt.

„Hering und Sprotte aus der Nord- und Ostsee sind eine gute Wahl. Diese Be­stände sind groß und die Fangmethode schädigt die Meeresumwelt kaum“, sagt Catherine Zucco, Fischexpertin beim WWF. Als Alternativen aus Aquakultur empfiehlt sie europäischen Karpfen so­wie Bioforellen. Länger fällt die Liste der Fischarten aus, von denen der WWF ab­rät: „Aal, Hai, Schnapper, Granatbarsch und Blauflossenthunfisch gehören gar nicht auf den Teller. Ihre Bestände sind massiv dezimiert. Aale sind sogar vom Aussterben bedroht“, so Zucco. Der WWF empfiehlt generell, Fisch nur in Maßen zu genießen. „Wildfisch ist eine begrenzte Ressource. Wer nur einmal in der Woche Fisch isst, respektiert die Grenzen des Ozeans“, so Zucco. Für die Umweltverträglichkeit sei entscheidend, wo und wie der Fisch gefangen wurde.

Eine Orientierungshilfe auf den ersten Blick bietet das blaue MSC-Siegel, das Wildfisch aus nachhaltiger Fischerei kennzeichnet. Bei Zuchtfisch ist dazu geraten, auf die Biosiegel Naturland und Bioland sowie auf das ASC-Logo für Fisch aus verantwortungsvoller Aquakul­tur zu achten.

Erfreulicherweise erholen sich – gerade in Nord- und Ostsee – einige Fisch­bestände wieder, am Gesamtbild hat sich laut WWF jedoch wenig geändert: „Unsere Meere sind in Bedrängnis, zu viele Fischbestände schrumpfen noch immer unter dem Druck der weltweiten Fangflotten. Überfischung gefährdet die Balance der marinen Ökosysteme, zumal große Raubfischarten besonders stark befischt werden“, warnt WWF-Expertin Zucco. 61 Prozent der weltweiten Be­stände von Speisefischen werden bis an ihre Grenze genutzt, fast 29 Prozent sind überfischt oder erschöpft.

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Fotos © James Morgan / WWF; Gregg Yan / WWF

2018-10-11T16:02:47+00:00

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