/Ökologische Landwirtschaft: Ein Erfahrungsbericht von Biobauer Franz Klinker

Ökologische Landwirtschaft: Ein Erfahrungsbericht von Biobauer Franz Klinker

Ökologischer Landbau, Bioprodukte, alternative Landwirtschaft – Begriffe, die momentan in aller Munde sind. Schon vor 20 Jahren entschloss sich Franz Kinker, seinen Hof auf Bio umzustellen. Keine Chemie, keine Massenproduktion. Dafür hat heute jede seiner 30 Kühe einen eigenen Namen.

Text Franz Kinker

Bauer Franz • Glücksgefühl to roll on Ein Blick auf die Welt in spannenden Essays LV. Buch, 2017 • 16 Euro

Diese und weitere Essays von Biobauer Franz: Bauer Franz • Glücksgefühl to roll on – Ein Blick auf die Welt in spannenden Essays • LV. Buch, 2017 • 16 Euro (D)

Meine Freunde taten mein Vorhaben als ,spinnerte Idee‘ ab: „Willst du zu den ‚Grünen‘, zu den ‚Alternativen‘ wechseln?“ Das waren 1998 ihre Kommentare. Damals reifte in mir die Entscheidung, Biobauer zu werden. Ich muss zugeben, das war eine wagemutige Entscheidung mit ungewissem Ausgang. Ich komme aus einer Generation von Bauern, denen in der Berufs- und Landwirtschaftsschule intensives Wirtschaften beigebracht wurde. Unsere Lehrer zeigten uns, wie viel Mineraldünger ausgebracht werden sollte, um den optimalen Ertrag auf den Wiesen und Äckern zu erzielen. Und wenn Unkräuter überhandnahmen, wusste der Ausbilder sofort einen Rat, mit welcher chemischen Keule den Plagegeistern der Garaus gemacht werden konnte. Das war meine Lehrzeit. Und jetzt macht sich so ein Jungspund (ich) Gedanken darüber, ob das alles richtig ist, und ob das der richtige Weg für seinen Betrieb ist. Denn eigentlich ist es so einfach, mit etwas Chemie auf bequeme Art und Weise große Mengen an Futter zu ernten. Aber will ich das, möchte ich meinen Boden ausbeuten, möchte ich fragwürdige Substanzen auf meinen Wiesen ausbringen, möchte ich von der chemischen Industrie abhängig sein? All diese Fragen ließen mir keine Ruhe. Die Entscheidung, auf Bio umzustellen, die fiel nicht von heute auf morgen. Ich verbrachte schlaflose Nächte, grübelte, fragte meine Frau, die Eltern, und rechnete, ob sich das überhaupt rentiert.

Dann war es soweit: Wir sattelten um auf Bio-Landwirtschaft

Das ist zwar einfach gesagt, hat es aber in sich: Eine Umstellungszeit muss eingehalten werden, in der die Produkte nicht als Bio verkauft werden können, die Auflagen aber eingehalten werden müssen. Ich besuchte einen Einführungskurs, füllte Formulare aus und änderte vor allem die Lebensweise. Man ist sich bewusst, dass man nicht mehr Massen- und No-Name-Produkte, sondern Lebensmittel mit höchster Reinheit und Qualität erzeugt. Auf dem Bauernhof hat sich damals viel verändert: Ich musste einen neuen Milchtank kaufen, weil die Andechser Molkerei die Biomilch aus Umwelt- und Kostengründen nur jeden zweiten Tag abholt, die Kälber brauchten ein neues Zuhause, denn die Aufstallung entsprach nicht mehr den Öko-Anforderungen. Und ich wusste damals auch: Irgendwann brauchst du einen neuen Laufstall für deine Kühe. Dies war der Punkt, den ich am meisten scheute. Neben der anstrengenden Baumaßnahme über mehrere Jahre ist so ein Stallbau auch eine riesige finanzielle Belastung. Bei Baukosten von acht- bis zehntausend Euro je Kuhplatz häufen sich schnell mal 300.000 bis 500.000 Euro Schulden an. Nicht jeder traut sich so was zu. Das Risiko ist hoch, gerade dann, wenn der Milchpreis fällt und fällt. Letztendlich tat ich den Schritt nach vorne: Der neue Kuhstall wurde gebaut.

Wie ging es mir damals – war die Entscheidung richtig? Aus heutiger Sicht kann ich sagen: ja. Zugegeben, die Anfangsjahre waren schwierig, der Ertrag auf den Wiesen ließ zu wünschen übrig, das Futter für die Tiere war knapp. Ich machte mir Sorgen. Reicht das Futter wohl über den Winter? Die Unkräuter, besonders der Stumpfblättrige Ampfer, fühlten sich so richtig wohl bei uns. Die ganze Familie, allen voran meine Eltern, rückte mit speziellen Werkzeugen aus, und grub jede Pflanze mühsam aus dem Boden. Mittlerweile hat sich der Boden erholt und angepasst. Nun sind, auch aufgrund unseres biologischen Wirtschaftens, die Unkräuter auf ein erträgliches Maß  zurückgegangen. Zum Glück. Und wenn ich es genau betrachte, irgendwie gehören die ja auch dazu, zum Ganzen. In der Natur hat alles seine Existenzberechtigung, das muss man erst begreifen.

Kuhkuscheln mit glücklichen Biokühen

Einige Bauernhöfe in Deutschland bieten das Kuscheln mit ihren Kühen an. Kuhkuscheln stammt ursprünglich aus den Niederlanden. Da beim Streicheln von Tieren Glückshormone ausgeschüttet werden, entspannen Menschen dabei und bauen Stress ab. Das ist auch die Grundlage tiergestützter Therapieverfahren in der Medizin. Bekannt ist der Einsatz von Hunden, Katzen, Pferden, Lamas oder Delfinen. Offenbar haben auch Kühe das Potenzial, Balsam für die Seele zu sein.

Nachhaltiger Tourismus: Urlaub auf dem Biobauernhof boomt

Ich glaube, dass sich die Umstellung auf Bio auch auf unseren zweiten Betriebszweig, den Tourismus, positiv ausgewirkt hat. Zu uns kommen jetzt auch Feriengäste, die ihren Urlaub bewusst auf einem Biohof genießen möchten. Aber was ist es genau, das die Ferien auf dem Bauernhof so beliebt macht? Ich behaupte, das ist die Kuh und auch die anderen Tiere auf dem Hof, die eine einzigartige Ruhe ausstrahlen und allem eine gewisse Sinnhaftigkeit geben. Wir alle leben in einer stressigen Welt. Alles ist getaktet, organisiert und verplant. Wenn wir dann mal freihaben und abschalten könnten, dann geben wir uns dem Smartphone hin, chatten meist sinnlos oder lassen uns zu Spielen hinreißen, die nur kostbare Zeit verschwenden.

Sehnen wir uns dann insgeheim nicht in eine Welt, in der wir Ruhe spüren? Ja, diese Oase gibt es, und ich zeige euch, wo ihr sie findet: auf einem kleinbäuerlichen, familiär geführten Bauernhof. Ich mag den persönlichen Bezug zum Tier, besonders zur Kuh. Bei uns hat jedes Tier einen eigenen Namen, und wir respektieren uns gegenseitig. Obwohl man es einer Kuh nicht ansieht, so behaupte ich, hat sie ein Vertrauen in ihren Bauern. Sie merkt, dass es der Bauer gut mit ihr meint. Der Landwirt, der die „Sprache“ der Kühe versteht, der hat einen gewissen Frieden im Stall. Die Kühe sind ruhig, sie bewegen sich träge, was ein deutliches Zeichen von Entspanntheit ist. Und wenn sie mal der Hafer sticht, wenn sie wirklich mal auf der Weide ausbüxen, dann kommen sie nach einer gewissen „Austobe-Phase“ wieder zu ihrem „Herrn“ zurück.

Wenn Kühe dich anschauen, dann blickst du in große, tiefgründige Kulleraugen mit langen Wimpern. Gelegentlich beobachte ich während meiner Arbeit die Feriengäste im Stall. Ich merke, dass ihnen der Kontakt zu meinen Kühen gut tut. Hingebungsvoll schieben die Gäste den Tieren das Futter vor die Schnauze und geben sich Mühe, dass jedes Tier gleich viel Gras oder Heu bekommt. Dankbar wühlen die Kühe in dem Futter herum, suchen sich mit ihrer feinen Nase die besten Grashalme heraus, und stupsen den Rest wieder von sich weg – wohl wissend, dass die Menschen auf dem Futtertisch ja noch da sind und das Gras geduldig wieder hinschieben. Im Leben einer Kuh gibt es auch Momente, in denen sie satt ist. Dann hat sie Zeit, um zu schmusen. Sie leckt dabei liebevoll ihre Nachbarin am Kopf oder sie streckt ihre raue Zunge raus, um den Gästen am Arm oder am Schienbein zu schlecken. Dann höre ich meist ein lautes „Iiih, das kratzt ja!“ durch den Stall rufen.

Inzwischen lebe ich schon seit über 40 Jahren mit Kühen. Ich kenne die Eigenheiten jedes Tieres. Ich weiß, um welche Kuh ich einen Bogen machen sollte, welches Tier leicht erschrickt, und welche immer zum Schmusen aufgelegt ist. Meine Gäste erkennen in den 14 Tagen, die sie auf unserem Hof sind, die Charaktere meiner Kühe meist nicht. Sie tauchen in ihrem Urlaub in eine andere, ursprüngliche Welt ein und übernehmen für eine gewisse Zeit eine Verantwortung für die Tiere. Die Ruhe und die Gelassenheit – so glaube ich – übertragen sich auf meine Helfer im Stall. Mit einfachen Worten zusammengefasst kann ich behaupten: Der Umgang mit Kühen ist Balsam für die Seele. Und das ist im Endeffekt doch nichts anderes als ein Besuch beim Psychiater. Danach geht es einem besser – genauso wie nach einem Urlaub auf dem Biobauernhof.

Umstieg auf Bio-Landwirtschaft: Was bleibt mir als Resümee zu sagen?

Die Biobauern waren früher unter Kollegen die „Extragesottenen“, die Sonderlinge. Wir wurden belächelt und gehänselt. Heute ist das anders – wir sind akzeptiert. Ich bin mir auch sicher, dass meine Freunde und Schulkollegen meine Entscheidung respektieren, und ich bin froh, diesen Weg gegangen zu sein.

Biobauer Franz betreibt den Berghof Kinker in vierter Generation und stellte 1998 auf Bio-Landwirtschaft und Tourismus um. Über seine Erfahrungen bloggt er auf franzkinker.wordpress.com.

Öko-Landbau in Zahlen: Bio-Bauernhöfe mit alternativer Landwirtschaft

2016 wuchs die Zahl aller deutschen Biobetriebe auf insgesamt 26 855 Höfe an (9 % aller landwirtschaftlichen Betriebe). Das entspricht einem Plus von 2119 Betrieben; das bereits starke Wachstum im Vorjahr (5,7 %) konnte auf 8,6 % gesteigert werden.

2016 wurden in Deutschland 1,19 Mio. Hektar ökologisch bewirtschaftet. Das entspricht 7,1 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche.

2016 lag der Bioumsatz in Deutschland bei 9,48 Mrd. Euro – das ist eine Steigerung um knapp 10 % gegenüber dem Vorjahr.

Etwa die Hälfte der Deutschen kauft inzwischen häufig oder gelegentlich Öko-Produkte.

Fotos: © Bauer Franz, Glücksgefühl to roll on, Ein Blick auf die Welt in spannenden Essays, LV. Buch, 2017

2018-11-02T16:15:11+00:00

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