///Moderne Sklaverei

Moderne Sklaverei

Jeder von uns beschäftigt heute durchschnittlich 60 Sklaven, sagt BWL-Professorin Evi Hartmann und mit jedem weiteren billigen Fast Fashion-Teil oder neuem Smartphone werden es mehr. Ein Gespräch über moderne Sklaverei, fehlende Moral und warum kleine Veränderungen ein guter Anfang sind.

Der Titel Ihres aktuellen Buches lautet „Wie viele Sklaven halten Sie?“. Wie findet man eine persönliche Antwort?

Im Internet findet man etwas sehr Makabres für die angeblich zivilisierte Zeit: einen Sklavenrechner. Da kann man sich ausrechnen lassen, wie viele Sklaven man mittelbar hält, wenn man ein Smartphone besitzt, Kleidung und Schuhe trägt, ein Auto fährt und so weiter. Erstaunlich an dieser Algeb­ra des Grauens ist, wie freundlich und vorwurfsfrei sie gestaltet ist. Man fühlt wenig Scham und viel Motivation, es besser zu machen.

Was verstehen Sie unter Sklaven?

Sklaven sind alles Menschen, die meist in fernen Län­dern ausgebeutet werden, damit es uns gut geht. Also die Arbeiter im Kongo, die mit vorgehaltener Waffe in die Blutminen gepresst werden, damit wir die Minerali­en für unsere Smartphones bekommen. Oder die Plantagensklaven, die mit Pestiziden bombardiert werden, damit wir Kleider, Obst und Blumen genießen können. Kindersklaven, die Fußbälle und Teppiche für uns nähen. Die Liste ist endlos und deprimierend. Im Prinzip macht uns jeder Akt des Konsums und des Managements zu Sklavenhaltern: Immer wenn man konsumiert oder als Manager einkauft und trans­portiert, ohne nachzuschauen, was durch diese Entscheidung am anderen Ende der Supply Chain, der Versor­gungskette, passiert.

Wie entstehen Billiglöhne und Dumpingpreise?

Das Buchcover des Buches

Buchtipp: Wie viele Sklaven halten Sie? – Über Globalisierung und Moral • Evi Hartmann • 224 Seiten • Campus Verlag • 2016 • 17,95 Euro (D)

Durch unsere beachtliche Faulheit. Es ist bequemer, nach einem Billigteil zu greifen als im Internet zu recherchie­ren, ob der geringe Preis durch Blutlöhne zustande kommt. Es ist bequemer, einen Lieferanten um fünf Cent pro Stück zu drücken als das Lieferanten-Mana­gement auf weniger Lieferan­ten mit größeren Aufträ­gen und damit höheren Margen und Löhnen für die Arbeiter umzustel­len. Faul geht die Welt zugrunde.

Daher plagte Sie zunehmend das schlechte Gewissen, erzählen Sie in Ihrem Buch …

Ja, weil täglich Menschen für unseren Konsum ums Leben kommen, verletzt oder verstümmelt werden – und wir kaufen und managen größtenteils munter weiter. Ich bewundere Menschen, die ignorieren können, dass aus ihrem Handy oder ihrem T-Shirt Blut tropft. Ich kann das nicht mehr. Ich mach mir was daraus. Das nützt den Sklaven der Globalisierung und das gibt mir ein gutes Gefühl. Mo­ralisch geläutert zu konsumieren und zu managen, fühlt sich einfach gut an.

Sie sehen das Problem also in der fehlenden Moral. Wer oder was ist dafür verantwortlich? Die Globalisierung? Das System? Die Manager? Jeder Einzelne oder alle zusammen?

Warum nicht bei den Eltern anfan­gen? Haben sie jemals das Wort Moral in den Mund genommen? Weiter geht es mit Erzieherinnen, Lehrern, Ausbildern, Journalisten, Professoren, Vorgesetz­ten. Das Thema ist tabu. Und was klein Hänschen nie hört, praktiziert Hans nicht. Es ist ein kollektives Kulturver­sagen und zugleich ein individuelles Erziehungs- und Kommunikationsver­sagen. Moral? Reden wir nicht darüber. Schlimmer noch: Wenn heute ein Teeny in der Straßenbahn für eine ältere Dame nicht seinen Sitzplatz räumt und ein Moralapostel ihn dafür maßregelt, kriegt er von den Umstehenden Saures: „Lassen Sie doch den Jungen in Ruhe!“ Unsere Moral ist inzwischen: Anything goes. Alles ist erlaubt. Leider zerstört das irgendwann die individuelle Psyche und ganze Gesellschaften schlimmer und nachhaltiger als jeder Schicksals­schlag das könnte.

Arbeiter in den Blutminen, Billiglohnarbeiter in den Textilfabriken von Bangladesh: Wir alle wissen über diese Zustände Bescheid. Warum ändert sich trotzdem nichts Grundlegendes?

Weil es einen Unterschied zwi­schen Wissen und Handeln gibt. Die beiden Harvard- Professoren Pfeffer und Sutton nennen das den Knowing Doing Gap. Diese Lücke könnte die Moralerziehung schlie­ßen – wenn es sie gäbe. Sie könnte uns auch helfen, Moralhindernisse wie den Bystander Bias zu überwinden: „Och, das geht mich nichts an. Darum soll sich die Politik kümmern.“ Glücklicherweise kommen immer mehr Menschen ohne fremde Hilfe darauf und ändern ihr Ver­halten. Moral ist eigentlich nichts, was man erst lernen müsste. Moralisches Empfinden sitzt tief in jedem von uns. Man braucht bloß darauf zu hören. Die Stimme der Vernunft, der Ruf der Moral ist leise, aber wir können ihn hören, wenn wir in uns reinlauschen. Das ist eine schöne Übung: Heut schon in dich reingehört?

Wie sieht die Lösung für unser globales Moralproblem aus?

Es gibt nicht eine Lösung, es gibt 7,4 Milliarden Lösungen: Moral ist Sache jedes und jeder Einzelnen. Das ist das Gute daran. Niemand kann uns das abnehmen, aber auch niemand wird uns das wegnehmen. Jeder von uns kann sich jeden Tag ein ganz klein wenig mo­ralischer verhalten. Das ist der Ansatz der sogenannten Appreciative Inquiry, der nach meiner Ansicht erfolgreichs­ten Veränderungsstrategie überhaupt: Was ist die kleinste Sache, die ich jetzt sofort verändern kann? Zum Beispiel auf slaveryfootprint.org gehen, den fairen Honig kaufen, die richtigen Bananen, dem Lieferanten in Asien 20 Erste-Hilfe-Kästen schicken…

Haben Sie es geschafft, weniger oder sogar keine Sklaven mehr zu beschäftigen?

Niemand hält keine Skla­ven. Aus dieser Kiste kom­men wir nicht raus. Nicht in den nächsten zehn Jahren. Aber wir können es jeden Tag ein wenig besser machen. Bei jedem Einkauf überlege ich mir, wie wir ohne riesigen Recherche-Aufwand und ohne das Haushaltsbudget zu spren­gen bei ausgesuchten Artikeln an die bessere Alternative kommen können. Bei vier Kindern sind das zig Chancen jede Woche, es besser zu machen. Und jede Woche wird es ein wenig besser. Wenn ich jeden Monat nur einen „meiner“ Sklaven befreien kann, ist das schon ein ungeheurer Fortschritt. Das macht ein gutes Gefühl. Eigentlich das Beste von allen. Es tut gut, gut zu sein.

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Foto: © Ankur Patil / Shutterstock.com

2018-10-15T11:37:49+00:00

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