Bei der klassischen Produktion von Seide müssen unzählige Seidenraupen ihr Leben lassen. Aber es gibt eine andere Lösung: Der indische Ingenieur Kusuma Rajaiah entwickelte – inspiriert von Mahatma Gandhis Philosophie der Gewaltlosigkeit und dem Respekt gegenüber allem Leben – eine ethisch und wirtschaftlich vertretbare Methode, Seidenstoffe aus Maulbeerseide zu fertigen, ohne die Puppen töten zu müssen.

Ein Maulbeerspinner

Prachtexemplar eines Seiden- bzw. Maulbeerspinners © Oscar Surmano / Shutterstock

Die klassische Seidenproduktion

Seide entsteht, wenn sich eine Raupe verpuppt. Mit Hilfe spezieller Drüsen in ihrem Maul produziert sie einen feinen Faden, den sie in großen Schlaufen und hunderttausenden von Windungen um sich herum legt. So entsteht ein Kokon, der aus einem ununterbrochenen, langen Filament besteht, das sich wiederum perfekt für die Herstellung glatter Textilien eignet. Beim Schlüpfen des Schmetterlings wird der Kokon jedoch beschädigt.

Um dies zu verhindern, werden die Kokons bei der traditionellen Seidenproduktion vor dem Schlüpfen mit heißem Wasser oder Dampf behandelt, wobei die Puppe im Inneren abstirbt.

Grausame Zahlen: Um nur 250 Gramm Seide zu gewinnen, werden 3000 Puppen getötet!

Gewaltfreie Seide

Schon immer gab es eine Alternative zu diesem Tierleid: die sogenannte Wildseide, die aus den leeren Kokons von wild lebenden Tussah-Seidenspinnern gewonnen wird. Der Faden des Tussah-Seidenspinners ist jedoch sehr viel gröber und ungleichmäßiger als der des Maulbeerspinners, der für die klassische Seidenproduktion verarbeitet wird.

Aber es ist Kusuma Rajaiah gelungen, ein Verfahren zur Seidenherstellung zu entwickeln, das marktfähig ist und bei dem die Puppen nicht zu Schaden kommen: Ahimsa-Seide. Im Sanskrit steht Ahimsa für Gewaltlosigkeit bzw. das Nicht-Verletzen.

Für die gewaltfreie Seidenproduktion gibt es zwei Herangehensweisen: Bei der ersten Methode werden die Kokons genau überwacht und im richtigen Augenblick vorm Schlüpfen aufgeschnitten, um den erwachsenen Falter zu befreien. Die Alternative ist, die Seidenfalter auf natürlichem Wege schlüpfen zu lassen und den Kokon erst im Anschluss weiterzuverarbeiten. In beiden Fällen werden kürzere Seidenfadenstücke gewonnen, da die Kokons beschädigt sind.

Geöffnete Seidenkokons, aus denen die Falter entschlüpfen

Nachhaltige Seidenproduktion

Es ist insgesamt aufwändiger als bei der klassischen Seidenherstellung, den Ahimsa-Seidenfaden zu gewinnen. Daraus ergibt sich auch ein höherer Preis. Gleichzeitig ermöglicht die Ahimsa-Seidenproduktion den Arbeitern ein sicheres und faires Einkommen.

Darüber hinaus werden viele Projekte im Zusammenhang mit der Herstellung von Ahimsa-Seide nach den Regeln der biologischen Landwirtschaft durchgeführt. Die Bioseide ist nach der Ökoverordnung der 834/2007 als kbT (kontrolliert biologische Tierhaltung) zertifiziert, weshalb die Produktion textiler Stoffe aus dieser Rohseide nach den Regeln des Global Organic Textile Standard (GOTS) erfolgen kann. Für die Vergabe dieses Siegels fließen ökologische, nachhaltige und soziale Parameter in die Beurteilung ein. So kann Bio-Ahimsa-Seide – im englischen Sprachraum oft als Peace Silk bezeichnet – ganz ohne schlechtes Gewissen getragen werden. Und die Schmetterlinge flattern friedlich weiter …

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Fotos: Irina D’Elena; Oscar Sumaro; Slothful / Shutterstock