Artgerechte Tierhaltung gehört zu den zentralen Themen der Nachhaltigkeit. In der Milchwirtschaft gilt Weidehaltung als beste Lösung für das Tierwohl. Doch wie sieht es mit dem ökologischen Fußabdruck aus?

Artgerechte Tierhaltung ist glücklicherweise nicht nur in Deutschland, sondern auch auf EU-Ebene stärker in den Fokus gerückt. Die EU-Öko-Verordnung legt Bio als den höchsten gesetzlichen Standard der Landwirtschaft und der Lebensmittelproduktion fest. Doch nicht nur ausgewiesene Bio-Bauern werden dadurch verpflichtet, ein besonderes Augenmerk auf eine artgerechte Tierhaltung zu legen. Insgesamt gibt es in Deutschland einen erfreulichen Trend weg von der umstrittenen Anbindehaltung und hin zu Laufställen und Weidegängen oder sogar verstärkter Weidehaltung.

Weidehaltung in der Milchwirtschaft – für mehr Tierwohl; Foto © Glossy_Don via stock.adobe

Milchwirtschaft und ihre Haltungsformen in Deutschland

Der Situationsbericht 2021/2022 des Deutschen Bauernverbandes (DBV) zeigt, dass von den insgesamt 11,5 Millionen Stallhaltungsplätzen für Rinder in Deutschland inzwischen 83 Prozent Laufstallhaltung praktizieren. Nur noch 10 Prozent der Rinder in Stallhaltung werden angebunden gehalten. Dieser Trend ist im Hinblick auf artgerechte Haltungsformen für Nutztiere eine erfreuliche Entwicklung. Ebenso merkt der Situationsbericht an, dass aktuell rund ein Drittel (31 Prozent) aller Rinder in Deutschland die Möglichkeit zum Weidegang haben. Im Zehn-Jahres-Vergleich ist damit ein Rückgang zu verzeichnen. 2010 konnten noch 37 Prozent der Rinder in Deutschland regelmäßig auf der Weide grasen. Dabei ist Weidehaltung nicht nur für das Tierwohl die beste Wahl, auch ihre Ökobilanz kann sich durchaus sehen lassen. So gut tut Weidehaltung den Tieren und der Umwelt.

Weidegang und Weidehaltung

Wenn es um eine möglichst tierwohlfreundliche Haltung in der Milchwirtschaft geht, müssen wir zwischen Weidegang und Weidehaltung unterscheiden. Beim Weidegang wird den Tieren regelmäßig der Zugang zu freien Weideflächen mit frischem Gras ermöglicht.

Damit die Milch aus dieser Haltungsform als Biomilch oder als Weidemilch klassifiziert werden darf, gibt es strenge Vorgaben. An mindestens 120 Tagen im Jahr müssen die Tiere mindestens sechs Stunden auf der Weide bleiben dürfen. Die deutschen Bio-Anbauverbände haben die Vorgaben sogar verschärft und schreiben aktuell eine entsprechende Weidezeit an 150 bis 180 Tagen im Jahr vor. Der Begriff Weidemilch ist in Deutschland zwar rechtlich nicht geschützt, doch ein Gerichtsurteil aus dem Jahr 2017 orientiert sich ebenfalls an den Vorgaben für die Biozertifizierung.

Bei der Weidehaltung wiederum leben die Tiere für einen bestimmten Teil des Jahres komplett auf der Weide. Die Weidehaltung wird in Deutschland fast ausschließlich in den warmen Monaten des Jahres, ungefähr von April bis September praktiziert. Biobauern verbinden je nach klimatischen Bedingungen häufig den stundenweisen Weidegang mit einer vollumfänglichen Weidehaltung. In anderen europäischen Ländern sorgt die EU-Öko-Verordnung ebenfalls dafür, dass die Weidehaltung wieder verstärkt in die Nutztierhaltung integriert wird. Hier übernehmen Länder wie Irland eine Vorreiterrolle. Die irische Firma Kerrygold gibt beispielsweise an, dass die Kühe der landwirtschaftlichen Betriebe, mit denen sie kooperieren, bis zu 300 Tage im Jahr 24 Stunden auf der Weide verbringen.

Die Vorgaben und ihre Umsetzung variieren, doch in den meisten Ländern ist ein stärkerer Trend zur Weide festzustellen. Der Zugang zu ökologischen Weideflächen ist ein wertvoller Baustein der artgerechten Haltung und legt den Fokus wieder stärker auf das Tierwohl.

So gut tut Weidehaltung den Tieren

Beim Thema Weidehaltung stellt sich automatisch das Bild einer wohlgenährten Kuh ein, die genüsslich Gras zupft und zerkaut. Dabei fressen vor allem Kühe, die nur für einige Stunden am Tag Weidegang genießen dürfen, nicht die ganze Zeit frisches Gras. Als Wiederkäuer verdauen die Tiere in der Freilandhaltung auch Nahrungsbestandteile, die sie bereits vor dem Weidegang aufgenommen hatten. Selbstverständlich genießen Weidetiere auch das frische Futter, das ihnen die Natur hier zur Verfügung stellt. Die Vorteile der Weidehaltung für das Tierwohl sind aber weitaus vielfältiger.

Frisches Gras und frische Luft für die Weidetiere; Foto © sipa via pixabay.com

Großzügige Grünflächen und Weiden bieten den Tieren viel Bewegungsfreiheit. Dadurch wird der Bewegungsapparat geschont, insbesondere die Beine und Gelenke. Das Gras reinigt außerdem die Klauen und lässt sie ganz natürlich trocknen. Dadurch sinkt auch das Infektionsrisiko für die Zeiträume, die die Tiere im Stall verbringen. Das Platzangebot fördert gleichzeitig das natürliche Liegeverhalten der Tiere, das vor allem in Ställen mit Anbindehaltung oft nicht ausreichend berücksichtigt werden kann. Außerdem sind Kühe, die viel Zeit auf der Weide verbringen, sauberer als Tiere aus vorwiegender Stallhaltung. Dies beugt Infektionskrankheiten vor und führt Erhebungen zufolge sogar zu einem Rückgang von Lähmungserscheinungen, die häufig bei ausschließlicher Stallhaltung festzustellen sind.

Das natürliche Futter versorgt die Tiere optimal mit Nährstoffen, vor allem mit Proteinen und Vitaminen. Das stärkt nicht nur die Gesundheit, sondern fördert auch die Fruchtbarkeit innerhalb einer Herde. Zusätzlich wird das Risiko von Erkrankungen durch Futtermittel, die bei der Lagerung Schaden genommen haben, reduziert. Durch ökologische Weidewirtschaft wird zudem der natürliche Gehalt an Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren angereichert.

Ein kleiner Wehrmutstropfen bleibt, denn insbesondere bei großen Herden ist es schwieriger, alle Tiere unter Beobachtung zu halten. Anzeichen für Erkrankungen der Tiere oder schwere Geburten können auf diese Weise nicht immer rechtzeitig erkannt werden. Trotzdem sind die Vorteile, die eine ausgiebige Weidehaltung für das Wohl der Tiere mit sich bringt, ein starkes Argument für ein weiteres Umdenken in der Milchwirtschaft.

Die gute Ökobilanz der Weidehaltung

Weidehaltung unterstützt den Klimaschutz. Zu diesem Ergebnis sind verschiedene Studien zum Thema ökologische Landwirtschaft gekommen. Zunächst einmal werden Ressourcen geschont, wenn die Tiere längere Zeiträume auf der Weide verbringen. Die Energiekosten im Vergleich zur Stallhaltung können gesenkt werden, der Arbeitsaufwand rund um Pflege und Fütterung sinkt, für das Futter können natürliche und nachwachsende Ressourcen genutzt werden und die Ausscheidungen der Tiere werden dem Ökosystem als natürlicher Dünger wieder zugefügt. So entsteht bei günstigen Klimabedingungen ein Kreislauf, der die natürliche Beschaffenheit der Weidefläche und das Tierwohl gleichermaßen berücksichtigen kann.

Doch die positiven Aspekte der Weidehaltung für die Ökobilanz sind noch vielschichtiger. Ökologische Weidewirtschaft fördert die Artenvielfalt und bietet zahlreichen Lebensformen, insbesondere Insekten, einen natürlichen Lebensraum. Hier können landwirtschaftliche Monokulturen nicht mithalten.

Im Vergleich zur Stallhaltung weist die Milchwirtschaft aus vorwiegender Weidehaltung zudem eine geringere CO₂-Emission aus. Der Anbau von Futter für die Stallhaltung produziert durch Düngen, Wässern, Mähen, Trocknen und Lagerung messbar mehr CO₂ als eine ökologische Weidehaltung. In konventionellen Milchbetrieben, die nicht verstärkt auf Weidehaltung setzen, ist die Bereitstellung der Futtermittel für rund 20 bis 35 Prozent der CO₂-Emission der Milchproduktion verantwortlich. In Betrieben, die ökologische Weidehaltung in großem Umfang praktizieren, reduziert sich die Emission auf 6 bis 20 Prozent. Zudem ist der meist humusreiche Boden, auf dem Wiesen und Weideflächen gedeihen, besser in der Lage, CO₂ zu binden als andere landwirtschaftlich genutzte Flächen.

Fazit: Weidehaltung ist für das Tierwohl unverzichtbar

Die Weidehaltung birgt, wie jede andere Form landwirtschaftlicher Nutzung, ökologische und wirtschaftliche Herausforderungen. Für eine artgerechte Haltung mit dem klaren Fokus auf dem Tierwohl ist sie als Baustein aber unverzichtbar. Auch für eine positive Entwicklung der Klimabilanz kann die Weidehaltung einen wertvollen Beitrag leisten.

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