///Was kostet das Leben?

Was kostet das Leben?

Der Aktivist Marius Diab beschäftigt sich mit der Wegwerfgesellschaft und ihren Auswirkungen. Der Kunststudent lebt in München und ist seit über einem Jahr im aktiven Konsumstreik, um auf die Problematik der Verschwendung von Ressourcen aufmerksam zu machen und um seine Zeit für Projekte zu nutzen, die ihr entgegenwirken. greenLIFESTYLE hatte Gelegenheit zu einem Gespräch mit Ihm.

Wie lange verweigern Sie sich schon dem Konsum?

Vor ungefähr drei Jahren fing ich an, unsinnige Produkte zu boykottieren, seit eineinhalb Jahren kaufe ich nichts mehr und lebe von dem, was andere weggeworfen hätten. Geld gebe ich mittlerweile nur noch für die Krankenversicherung und den Semesterbeitrag der Uni aus.

 

Woher kommt die Motivation dazu? Welches Ziel haben Sie  sich damit gesetzt?

Ich möchte durch mein Handeln Aufmerksamkeit und Bewusstsein schaffen für das enorme Ausmaß der Verschwendung und ihrer Folgen, verursacht durch die Industrie und unser Konsumverhalten. Wir vergeuden wertvolle Ressourcen unseres Planeten, während fast ein Siebtel der Menschheit hungert. Wir verschmutzen und zerstören die Umwelt, quälen Tiere, verursachen Artensterben und gefährden ganze Ökosysteme. Nachfolgende Generationen werden unverschuldet unter den Folgen zu leiden haben. Ich möchte meinen potenziellen Enkeln später einmal erzählen können, dass ich mich damals zumindest für eine bessere Welt eingesetzt habe. Noch schöner wäre es, wenn wir Menschen unser Zusammenleben bis dahin achtsamer, gerechter und somit friedlicher gestalten würden. Wir haben es selbst in der Hand.

 

Wie gestaltet sich Ihr Alltag unter  dieser Auflage? Wie kommen Sie  durchs Leben und Studium, ohne  etwas für Wohnen, Strom, Essen,  Studienmaterial etc. zu bezahlen?

Überschüssige Lebensmittel zu finden, ist hier zu Lande sehr einfach, denn  30 bis 50 Prozent der produzierten Ware wird einfach weggeworfen, obwohl sie zum größten Teil noch genießbar ist. Meine Hauptquellen sind die Mülltonnen der Supermärkte und Lebensmittel, die von Betrieben freiwillig an das Foodsharing-Netzwerk weitergegeben werden.

Einwandfreie Möbel, Kleidung, Haushaltsgegenstände, Büroartikel und sogar Handys und Laptops  werden ebenfalls zahlreich aussortiert und entsorgt. Was sich nicht findet, stelle ich selbst her, auch die Natur bietet einiges, und Beschädigtes versuche ich zu reparieren.

Bis vor einigen Monaten habe ich noch Miete für mein WG-Zimmer gezahlt, finanziert durch einen 450-Euro-Job. Seit Frühling bin ich meist unterwegs und wenn ich Rückzugsraum brauche, finde ich ihn in meiner alten WG. Momentan baue ich an einer Jurte, in der ich ganzjährig wohnen und wirken möchte. Vor genau einem Jahr kam mir die Idee während meines Wirkens für den Wanderfreiraum Kulturjurte und sie ist zu einem Lebenstraum geworden. Die ursprünglich aus Zentralasien stammende Konstruktion des Rundzelts baue ich ausschließlich aus Materialien, die ansonsten weggeworfen oder verstauben würden. Hierfür suche ich aktuell einen geeigneten Standort in München, den ich kostenlos nutzen darf. Den Prototypen hatte ich bereits Ende Juli vor der Akademie der Bildenden Künste im Rahmen der Jahresausstellung aufgebaut. Gemeinsam mit der Kulturjurte war ich an der Organisation und Durchführung von über 40 Veranstaltungen beteiligt. Neben verschiedenen Reparatur-Veranstaltungen haben in der Upcycling-Jurte Gesprächsrunden, Vorträge und Workshops stattgefunden, rund um die Themen Ressourcenschonung,  Do-it-Yourself und nachhaltiger Konsum. Insofern ist der gesamte Prozess längst Teil meines Kunststudiums geworden.

 

Bieten Sie Gegenleistungen,  wenn Sie von anderen etwas  für Ihren Unterhalt bekommen?

Ich biete meine Hilfe an, wo ich kann. Direkte Gegenleistungen sind aber eher selten, denn ich gebe meine Zeit lieber frei in die Gemeinschaft: Neben der Organisation von kosten-losen Veranstaltungen bin ich auch als Botschafter und Mitglied des Orga-Teams der Foodsharing-Initiative aktiv, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Verschwendung von Lebensmitteln zu beenden.

 

Einige Menschen kritisieren  Ihr Projekt als „Schnorren“.  Was entgegnen Sie deren Einwänden?

Den größten Teil meiner Zeit verbringe ich mit ehrenamtlicher Arbeit, die letztendlich allen zugute kommt. Ohnehin würde ich die Verwendung von Müll nicht als Schnorren bezeichnen, sondern als wertvollen Beitrag zum Umweltschutz.

 

Welche positiven oder auch negativen  Erfahrungen haben Sie bis jetzt  gemacht – weil Sie sich damit  einschränken oder bestimmte  Reaktionen anderer Leute hervorrufen?

Wenn ich per Anhalter reise, freue ich mich jedes Mal aufs Neue, wenn liebe Menschen mich mitnehmen und hochinteressante, tiefgehende Gespräche entstehen. Schade finde ich es z.B., dass immer mehr Supermärkte ihre Mülltonnen -abschließen und unzugänglich machen und somit der Gesellschaft vorenthalten.

 

Gibt es etwas, das Sie sehr vermissen,  weil Sie aufgrund Ihrer Konsumverweigerung darauf verzichten müssen?

Organisatorische Arbeit ohne eigene Telefonflatrate zu leisten ist manchmal etwas mühsam.

 

Haben Sie Ihrem Verzicht einen  zeitlichen Rahmen gesetzt oder läuft  alles bis auf unbestimmte Zeit?

Solange wie notwendig und ich es kann und möchte.

 

 

© Foodsharing
2018-09-11T15:47:25+00:00

Über den Autor: