Atomkraft ist teuer, schmutzig und gefährlich. Dennoch stuft die Europäische Union sie als nachhaltig ein. Damit offenbaren sich die komplexen politischen, wirtschaftlichen und internationalen Verflechtungen hinter Europas Klimapolitik. Erfahre hier mehr über Europas umstrittenen Atomkraft-Plan.

Das Vorhaben klingt vernünftig. Bis 2050 will die Europäische Union ihre Treibhausgas-Emissionen auf null reduzieren und damit als erster Kontinent der Welt klimaneutral werden. Vorgestellt hat den sogenannten Green Deal die EU-Kommission 2019. Welche Technologien die EU als nachhaltig und klimafreundlich definiert, ist in der sogenannten Taxonomie des europäischen Klimagesetzes festgehalten. Dienen soll die Taxonomie als politisches Instrument, um in der europäischen Wirtschaft Investitionsanreize für die ökologische Transformation zu schaffen.
Brisant dabei: Seit 2023 gelten laut Taxonomie auch Investitionen in Atomkraft als klimafreundlich. Um die Klimaziele zu erreichen, würden erneuerbare Energiequellen nicht ausreichen, so rechtfertigte EU-Präsidentin Ursula von der Leyen die Entscheidung. Umweltverbände wie Greenpeace und WWF sehen damit das europäische Nachhaltigkeitsversprechen als gebrochen an, Deutschland hat ebenfalls mehrfach Kritik geäußert, Österreich sogar Klage eingereicht.
Die Kritik und Empörung kommen mit Sicherheit auch daher, dass mit der Atomkraft traurige Kapitel der jüngeren Geschichte verbunden sind. Im August 1945 warfen die USA zwei Atombomben über Japan ab, um das Land zur Kapitulation im Zweiten Weltkrieg zu zwingen: eine über Hiroshima, die andere über Nagasaki. Dabei starben über 200 000 Menschen, entweder sofort durch die Bombeneinschläge oder mit Verzögerung durch Strahlenkrankheiten oder Verbrennungen.
Den sich in der Folgezeit entwickelnden Kalten Krieg trugen die USA und die Sowjetunion nur deswegen nicht mit kriegerischen Mitteln aus, weil sich beide Mächte im Gleichgewicht des Schreckens befanden: dem Schrecken vor der Kraft der Atomwaffen.
Bilanz des Horrors
Die nächste Atomkatastrophe brachten dann nicht die Waffen, sondern eine Explosion im AKW im ukrainischen Tschernobyl 1986. Zwei AKW-Mitarbeiter starben sofort, die WHO geht von mindestens 4.000 zusätzlichen Toten aus, die später durch strahlenbedingte Krebserkrankungen verstarben. Der nächste Super-GAU kam 2011: Ein Erdbeben samt Tsunami beschädigte das Atomkraftwerk im japanischen Fukushima, erhebliche Mengen radioaktiver Stoffe wurden freigesetzt, 170 000 Menschen mussten ihre Heimat verlassen.
Als Reaktion darauf verkündete einen Monat später die damalige Kanzlerin Angela Merkel die deutsche Energiewende. Bis April 2023 schaltete Deutschland sukzessive alle 37 Atomreaktoren im Land ab. Die Ampelkoalition unter Kanzler Scholz trieb den Ausbau der Erneuerbaren Energien voran. Das Ergebnis: Ihr Anteil an der deutschen Stromerzeugung lag im Mai 2025 bei 72 Prozent.
Warum also fördert die EU weiterhin Atomkraft, fragen sich die Kritiker. Ein nüchterner Blick in die Wissenschaft hilft, um das brisante Phänomen einzuordnen. Atomkraft beruht auf der Kernspaltung. Atomkerne der chemischen Elemente Uran oder Plutonium werden in einem Reaktor gespalten. Dadurch entsteht Wärme, die sich zur Stromerzeugung nutzen lässt. Bei einem Kontrollverlust oder Unfall wie in Fukushima kann es zu einer Kernschmelze kommen.
Die dabei freigesetzten radioaktiven Stoffe sind tödlich für Menschen und Umwelt, sie machen ganze Landstriche unbewohnbar. Zusätzlich zum Risiko entstehen bei dieser Art der Energieerzeugung immer radioaktive Abfälle, die über tausende Jahre sicher gelagert werden müssen – Deutschland diskutiert diese Endlagerfrage bekanntermaßen sehr emotional. Auf der anderen Seite liefert Atomkraft eine konstante, wetterunabhängige und leistungsstarke Stromproduktion.
Die Befürworter verweisen zudem auf einen geringen CO2-Ausstoß der AKWs, was diese zu einer sinnvollen Ergänzung zu Erneuerbaren Energien mache. So zum Beispiel in Frankreich. Deutschlands Nachbarland ist ein Befürworter von Atomstrom und nach Deutschland die bevölkerungsreichste Nation der EU. Das dürfte der politische Hauptgrund dafür sein, dass die EU-Kommission die Atomkraft als grün eingestuft hat und dafür weiterhin Investoren locken will.
Aktuell sind in Frankreich 57 AKWs in Betrieb, der Anteil der Atomenergie an der französischen Stromerzeugung lag letztes Jahr bei 70 Prozent. Erst Ende 2024 ging in Flamanville der nächste Reaktor ans Netz, wenn auch 12 Jahre zu spät und 20 Milliarden Euro teurer als geplant. Frankreichs Regierung sieht in der Kernkraft dennoch die Zukunft: 14 neue Atomkraftwerke sind geplant.
Greenpeace räumt mit Mythen auf
Die Mythen rund um die angebliche Klimaneutralität von Atomkraft entlarvt Greenpeace in seinem Report „Greenwashing in der EU-Taxonomie“ vom Oktober 2024. Die Liste der Vorwürfe in diesem Report ist lang und gestützt durch zahlreiche Studien: So verursachen die Meiler der AKWs mehr als viermal so viele Emissionen wie Windparks und mehr als doppelt so viele wie Solarkraftwerke. Verantwortlich dafür sind etwa der Abbau und die Aufbereitung des Urans und die Herstellung der Brennstäbe.
Der Report rechnet zudem vor, dass es dreimal so viel kostet, eine Megawattstunde Atomstrom zu erzeugen, wie die gleiche Menge Strom durch erneuerbare Energien. Da die EU-Taxonomie die Investitionen ebenso in Atomkraft lenken würde, fehlten diese Gelder für Solar- und Windkraftanlagen, so ein weiterer Vorwurf von Greenpeace. Das könnte als Rechtfertigung dafür dienen, klimaschädliche Kohle- und Gaskraftwerke desgleichen um Jahre länger laufen zu lassen.
Auch für Helmut Haberl, Professor für Soziale Ökologie an der Universität für Bodenkultur Wien, ist der Bau neuer Kernkraftwerke zu teuer und zeitraubend: „Investitionen in Photovoltaik, Windenergie und andere erneuerbare Energieträger können viel rascher realisiert werden und bei gleichem Investitionsvolumen viel höhere energiepolitische Beiträge leisten.“ Vom Risiko durch Nuklearunfälle und von der Endlagerproblematik ganz zu schweigen.
Doch Frankreich und die Europäische Union gehen sogar einen Schritt weiter. In Südfrankreich entsteht seit 2010 der International Thermonuclear Experimental Reactor, kurz ITER – das weltweit größte Forschungsprojekt zur Kernfusion. Anders als bei der Kernspaltung werden dabei leichtere Atomkerne etwa von Wasserstoff zu schwereren Kernen verbunden – ein Prozess, der im Inneren der Sonne stattfindet, deutlich mehr Energie liefert als die Kernspaltung und keine radioaktiven Abfälle produziert. Funktionsfähig wird ITER aber frühestens 2035 sein. Bis Kernfusion dann flächendeckend Energie erzeugen könnte, wären weitere Jahrzehnte an Experimenten und Forschung nötig.
Neuer Weg der Offenheit
Die neue Große Koalition unter Kanzler Friedrich Merz plant keine Rückkehr zur Atomkraft. Dennoch nähert sich die Bundesregierung in der Diskussion dem Atomkraft-Befürworter Frankreich an. Die Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche signalisierte im Mai ihre Offenheit, die Forschung an kleinen modularen Kernreaktoren mit EU-Geldern zu fördern. Diese
Small Modular Reactors (SMR) sind kleiner und flexibler als herkömmliche Atomreaktoren. Der bekannte US-Unternehmer Bill Gates etwa plant mit seiner Firma Terrapower solche SMR. In der EU sind vor allem Frankreich und Schweden an dieser Technologie interessiert. Ministerin Reiche plädiert für Technologieoffenheit: „Wir gehen hier einen anderen Weg als Frankreich. Fakt ist aber, dass jede Tonne CO2, die wir einsparen können, gut ist.“
Die EU ist also weiterhin im besten Sinne gespalten, was die Atomkraft anbelangt. Klarheit bringt möglicherweise das Urteil auf die Klage, die Österreich bereits im Oktober 2022 vor dem Europäischen Gerichtshof eingereicht hat. Das Urteil wird im Laufe des Jahres 2025 erwartet.

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