
Ein Glas Sekt zur Hochzeit. Wein zum Essen. Bier nach Feierabend. Alkohol begegnet uns überall. Mit ihm werden besondere Anlässe wie Geburtstage oder Erfolge zelebriert. Alkohol ist nicht nur ein Getränk, sondern ein soziales Signal. Wer anstößt, zeigt Zugehörigkeit, wer ablehnt, fällt meist auf.
Kaum eine andere Droge ist so tief in unseren Alltag eingebettet. Er steht für Genuss, Entspannung und Geselligkeit, für ein Lebensgefühl. Auch die Werbung zeichnet dieses Bild: warme Sommerabende, lachende Menschen, ein Glas in der Hand. Doch was leicht und selbstverständlich wirkt, ist zugleich Teil eines riesigen globalen Geschäfts. Die Alkoholindustrie setzt jedes Jahr mehrere Milliarden US-Dollar um. Sie investiert in Marketing, und hat persönliches Interesse daran, unsere Konsumgewohnheiten zu prägen und wie wir über „maßvollen Genuss“ denken.
Umgang mit Alkohol: Keine risikofreie Menge
So vertraut Alkohol ist, so trügerisch ist sein Image. Die Wissenschaft zeichnet inzwischen ein klares Bild: Eine risikofreie Menge gibt es nicht. Große internationale Studien zeigen, dass selbst geringe Mengen das Risiko für Krankheiten erhöhen – insbesondere für Krebs. Lange galt ein Glas Rotwein als herzgesund.
Heute wird diese Annahme deutlich kritischer gesehen. Denn der vermeintliche Nutzen lässt sich oft eher durch den Lebensstil erklären: Menschen, die moderat trinken, ernähren sich häufig bewusster, bewegen sich mehr und haben insgesamt gesündere Routinen. Die Risiken dagegen sind gut belegt. Alkohol kann die Leber schädigen, das Nervensystem negativ beeinflussen und steht mit verschiedenen Krebsarten in Verbindung.
Eine große Kohortenstudie zum Beispiel auf Basis der UK Biobank von 2024 zeigt, dass selbst niedriger Konsum mit einer erhöhten Krebssterblichkeit verbunden ist, besonders bei älteren oder gesundheitlich belasteten Menschen. Durch die Forschung wissen wir inzwischen auch, dass regelmäßiger Alkoholkonsum die Lebenserwartung verkürzt und bereits mittlere Mengen diese um Monate bis Jahre reduzieren können.
Ein Bericht der US National Academies aus dem Jahr 2025 fand zwar Hinweise darauf, dass der Konsum moderater Mengen Alkohol mit einem geringeren Risiko für Herzerkrankungen verbunden ist, zugleich zeigte sich jedoch ein erhöhtes Krebsrisiko, sodass sich insgesamt kein gesundheitlicher Vorteil ergibt.
Ein weiteres Risiko besteht für das menschliche Gehirn: Neue Studien legen nahe, dass selbst mit moderatem Alkoholkonsum das Risiko für Gefäßschäden im Gehirn steigt und ein Zusammenhang mit Alzheimer-typischen Veränderungen sowie einer langfristig verminderten kognitiven Leistungsfähigkeit besteht. Unterm Strich heißt das also: Die Vorteile sind unsicher, die Risiken eindeutig. Und sie steigen mit jeder konsumierten Menge.
Umgang mit Alkohol: Uns selbst und anderen schaden
Nun wirkt Alkohol aber nicht nur im eigenen Körper, sondern auch im sozialen Umfeld. Die Forschung spricht hier von „ harms“ – Schäden, die andere betreffen. Dazu zählen etwa Verkehrsunfälle, Gewalt, Vernachlässigung oder familiäre Konflikte. Eine US-Studie von 2024 zeigt, dass solche indirekten Schäden durch Alkohol deutlich häufiger auftreten als bei anderen Drogen.
Auch diese soziale Dimension ist entscheidend für eine negative Gesamtbewertung des gängigen Rauschmittels. Laut einem aktuellen Bericht der World Health Organization war Alkoholkonsum im Jahr 2019 für rund 2,6 Millionen Todesfälle jährlich verantwortlich. Das entspricht etwa 4,7 Prozent der weltweiten Sterblichkeit. Besonders betroffen sind junge Erwachsene zwischen 20 und 39 Jahren, bei denen Alkohol einer der führenden Risikofaktoren für vorzeitigen Tod ist.
Alkohol zählt damit weltumfassend zu den wichtigsten vermeidbaren Ursachen für nicht-übertragbare Erkrankungen sowie für Unfälle und Verletzungen. Auch im Vergleich zu anderen psychoaktiven Substanzen zeigt sich ein klares Bild: Alkohol verursacht global durch seine starke Verbreitung deutlich mehr Todesfälle als andere Drogen. Alkohol gehört damit zu den Substanzen mit den größten gesundheitlichen und gesellschaftlichen Schäden weltweit.
Alkohol im Vergleich mit anderen Drogen
Aber sind andere Drogen nicht noch viel schlimmer als Alkohol? Moderne Bewertungsansätze wie die Multi-Criteria Decision Analysis (MCDA), bekannt geworden durch David Nutt, ermöglichen eine umfassendere Einordnung von Substanzen. Dabei werden nicht nur individuelle Gesundheitsschäden, sondern auch soziale und ökonomische Folgen berücksichtigt.
Neuere internationale Analysen aus Europa, Australien, Kanada und Neuseeland bestätigen dabei ein konsistentes Muster:
- Hohe Gesamtschädigung: Alkohol, Tabak, Opioide, Kokain, Methamphetamin
- Mittlere Schadensprofile: Cannabis, MDMA
- Geringere Schadensprofile: klassische Psychedelika wie LSD oder Psilocybin
Der britische Neuropsychopharmakologe David Nutt zeigte bereits vor Jahren: Berücksichtigt man Schäden für Konsumenten und für andere, gehört Alkohol zu den schädlichsten Drogen überhaupt.
Vergleich von Selbst- und Fremdschäden verschiedener psychoaktiver Substanzen auf Basis einer neuen kanadischen Multi-Criteria Decision Analysis, die 2026 veröffentlicht wurde:
Dabei wurden 16 Drogen anhand von 16 Schadensdimensionen (10 für Konsumierende, 6 für Dritte) auf einer Skala von 0–100 bewertet und gewichtet. Alkohol weist dabei die höchste Gesamtschädigung auf (Score ≈ 79), wobei ein erheblicher Anteil der Schäden auf Auswirkungen auf andere Personen entfällt.
Dabei betont die Forschung, dass die Risiken dennoch stark vom Kontext abhängen. Das heißt, Konsummuster, Reinheit von Substanzen oder individuelle Gesundheit spielen eine große Rolle. Das gilt insbesondere für Drogen wie Cannabis oder Opioide. Dennoch zeigt sich im internationalen Vergleich ein stabiler Befund: Alkohol verursacht große Schäden, sowohl individuell als auch gesellschaftlich.
Alkoholfrei: Eine neue Bewegung
Trotz klarer Daten bleibt Alkohol legal und gesellschaftlich akzeptiert. Dafür gibt es mehrere Gründe: Erstens die Tradition: Alkohol ist Teil kultureller Rituale. Wer ihn infrage stellt, stellt Gewohnheiten infrage. Zweitens die Wirtschaft: Die Branche ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor, mit entsprechendem Einfluss. Und drittens die Wahrnehmung: Ein Glas wirkt harmlos, die Risiken erscheinen fern, da sich die Folgen oft erst Jahre später zeigen. Die Forschung spricht hier zudem von einem Wahrnehmungsproblem: Was normal ist, wirkt harmlos, auch wenn es das nicht ist.
Obwohl wir ihn überall kaufen können, ist Alkohol keinesfalls eine gewöhnliche Ware. Er ist eine Droge – legal, akzeptiert und gleichzeitig mit gut belegten Risiken verbunden. Die Antwort darauf muss nicht gleich ein kompletter Verzicht oder ein Verbot sein.
Vieles spricht für einen bewussteren Umgang: indem wir weniger trinken, Gewohnheiten hinterfragen und Alternativen entdecken. Und tatsächlich ist bereits ein Wandel zu beobachten: Insbesondere jüngere Menschen konsumieren heute im Durchschnitt weniger Alkohol als frühere Generationen – Tendenz weiter sinkend.
In vielen Städten entstehen neue Bewegungen, alkoholfreie Bars, Drinks ohne Promille und neue Formen von Geselligkeit. Am Ende geht es nicht um ein klares „dafür“ oder „dagegen“. Und die entscheidende Frage ist auch nicht mehr, ob Alkohol uns schadet, sondern wie wir selbst damit umgehen wollen.
Der Sober Brunch Club …
… ist eine Community und Plattform für einen alkoholfreien Lifestyle, die Menschen zusammenbringt, die bewusst auf Alkohol verzichten oder neugierig darauf sind.
Gründerin ist Svenja Rossig, die selbst seit mehreren Jahren alkoholfrei lebt und den Club aus dem Wunsch heraus ins Leben gerufen hat, einen unterstützenden Raum für Gleichgesinnte zu schaffen.
Ziel und Idee:
Der Club versteht sich als Gegenbewegung zu einer alkoholgeprägten Gesellschaft und möchte zeigen, dass soziales Leben auch ohne Alkohol normal und cool ist.
- Empfehlungen & Reviews zu alkoholfreien Drinks
- Rezepte und Ausgeh-Tipps
- Community-Formate wie „Sober Sundays“
- Regelmäßige Offline-Events & Brunches zum Vernetzen
Der Austausch steht im Mittelpunkt: Menschen sollen Freundschaften unabhängig von Alkohol aufbauen und sich gegenseitig unterstützen.
Drei Fragen an Svenja Rossig
Alkohol wird oft mit mehr Mut und Leichtigkeit beim Kennenlernen verbunden. Wie schaffst du es bei deinen Events, auch ohne Alkohol eine offene und verbindende Atmosphäre entstehen zu lassen?
Alkohol wird oft mit Mut und Leichtigkeit verbunden – zum einen, weil wir das so gelernt haben, zum anderen wegen seiner Wirkung im Körper. Letztlich senkt er Hemmungen und macht uns lockerer, sodass wir eher auf andere zugehen. Genau diese Atmosphäre schaffen wir bewusst auch ohne Alkohol: durch Interaktivität, regelmäßige Platzwechsel und gezielte Gesprächsimpulse. Gleichzeitig achten wir darauf, dass die Umgebung lebendig und nicht zu intim ist – eher busy und laut, sodass sich niemand beobachtet fühlt. Ein gutes Bild dafür ist die Tanzfläche: Ist sie leer, traut man sich vielleicht noch nicht zu tanzen. Ist sie voll, macht man eher mit. Dieses Prinzip nutzen wir auch bei unseren Events.
Was ist für dich persönlich der größte Mehrwert eines alkoholfreien Lifestyles?
Der alkoholfreie Lifestyle hat mir so viel über mich selbst beigebracht, meine eigenen Werte, die Dinge, hinter denen ich stehe. Ich merke gesundheitliche Benefits und vor allem weiß ich mittlerweile einfach viel besser, was ich mag, was ich nicht mag, wo ich meine Grenzen ziehe, die ich damals mit Alkoholkonsum vielleicht viel öfter einfach mal überschritten hätte. Außerdem liebe ich es, mich immer wieder aus meiner Komfortzone rauszubewegen und Dinge zu tun, die ich früher vielleicht nur mit Alkohol getan hätte: Leute ansprechen, Netzwerken, tanzen, feiern. Somit einfach immer wieder ein Stück über mich hinaus zu wachsen und zur selbstbewussteren Version meiner selbst zu werden.
Glaubst du, dass wir als Gesellschaft zu sehr auf Substanzen angewiesen sind, um uns frei oder entspannt zu fühlen – oder kommt es deiner Meinung nach eher darauf an, wie bewusst man damit umgeht?
Ich glaube, dass es uns als Gesellschaft antrainiert ist, dass wir Substanzen brauchen, um uns frei zu fühlen und entspannt zu fühlen. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass jeder Mensch diese Gefühle auch ohne Alkohol erleben kann. Entscheidend ist, Erlebnisse vom Konsum zu entkoppeln. Oft stoßen wir bei schönen Momenten automatisch mit Alkohol an. Wenn wir solche Erfahrungen bewusst auch ohne diese Verknüpfung machen, können wir langfristig lernen, Glück und Entspannung unabhängig davon zu empfinden.









