
Mode wird oft auf Trends, Stoffe und Silhouetten reduziert. Doch seit Jahrhunderten erfüllt sie eine weit größere Aufgabe: Sie spiegelt gesellschaftliche Werte, transportiert kulturelle Codes und macht sichtbar, wie wir die Welt verstehen oder verstehen möchten.
Jede Epoche erzählt ihre Geschichte auch durch Kleidung. Die Industrialisierung brachte neue Materialien hervor, die Raumfahrt inspirierte die futuristischen Schnitte der 1960er-Jahre, und heute prägen Digitalisierung, und die Suche nach nachhaltigen Lösungen unsere Vorstellung von Schönheit.
Mode ist deshalb nicht nur ein Spiegel ihrer Zeit, sondern auch ein Experimentierfeld für mögliche Zukünfte. Sie macht abstrakte Ideen sichtbar und übersetzt komplexe Entwicklungen in Bilder, Materialien und Formen, die wir unmittelbar wahrnehmen können. Gerade deshalb lohnt es sich, einen Blick auf jene Designerinnen und Designer zu werfen, die nicht nur Trends entwerfen, sondern neue Denkweisen. Eine der faszinierendsten Stimmen dieser Bewegung ist die niederländische Couturière Iris van Herpen.
Was haben Natur, Schönheit und Mathematik gemeinsam?
Warum empfinden wir die Formen einer Muschel, eines Farnblatts oder einer Schneeflocke als schön? Vielleicht, weil die Natur trotz ihrer scheinbaren Wildheit einer eigenen Ordnung folgt. Dieselben Muster begegnen uns immer wieder: in den Ästen eines Baumes, den Verzweigungen eines Flussdeltas, den Spiralen einer Muschel oder den filigranen Strukturen eines Romanesco-Kohls. Wir erkennen diese Harmonie intuitiv, lange bevor wir sie erklären können.
Seit Jahrhunderten versuchen Menschen, die Gesetzmäßigkeiten hinter dieser Schönheit zu verstehen. Die Mathematik wurde dabei zu einer Art Sprache der Natur, nicht als Gegensatz zur Natur, sondern als Werkzeug, um ihre verborgenen Strukturen sichtbar zu machen.
Zu diesen Prinzipien gehört auch die fraktale Geometrie. Sie beschreibt Muster, in denen sich ähnliche Formen auf unterschiedlichen Ebenen wiederholen – vom Großen bis ins Kleinste. Genau diese verborgene Ordnung zieht sich wie ein roter Faden durch die Arbeit von Iris van Herpen. Immer wieder greift sie Strukturen auf, die an Wasserbewegungen, Kristallbildungen, Pflanzenwachstum oder organische Netzwerke erinnern.
Besonders deutlich wird dies in der Kollektion Crystallization. Dafür studierte die Designerin Wasser in seinen unterschiedlichsten Zuständen – vom ungebändigten Spritzer bis zur präzisen Geometrie eines Eiskristalls. So entstand ein Kleid, das eine Welle im Moment ihres Aufpralls einzufrieren scheint: Schicht über Schicht aufgebaut, den Rhythmen und Wiederholungen natürlicher Formen folgend.
Biodesign in der Mode: Lebende Algen und nachhaltige Materialien
Kann ein Kleid atmen? Im Juli 2025 betrat in Paris ein Gewand den Laufsteg, das tatsächlich lebte. Für ihre Kollektion Sympoiesis schuf Iris van Herpen gemeinsam mit dem Biodesigner Chris Bellamy ein Kleid, in dem 125 Millionen winzige Meeresalgen wohnen, Pyrocystis lunula, benannt nach ihrer mondförmigen Gestalt. Bei jeder Bewegung der Trägerin leuchten sie blau auf. Über Monate wurden sie in Meerwasser herangezogen und in einem Nährgel eingeschlossen; das Kleid wird nicht genäht, sondern gehegt, gezüchtet statt konstruiert. Wer es trägt, geht eine Symbiose ein.
Das Meer kehrt in Sympoiesis auch als Material wieder: Aus Brewed Protein, einer biobasierten Faser des Biotech-Unternehmens Spiber, gewonnen durch , schnitt van Herpen mit dem Laser Formen, die an Korallenriffe erinnern.
Schon Jahre zuvor hatte sie zur Materie selbst gemacht: Das Holobiont-Kleid besteht aus Ozeanplastik des Netzwerks Parley for the Oceans, aus Meeresmüll gewonnenes Gewebe, in Tausende feiner Dreiecke geschnitten, durchscheinend und zerbrechlich wie eine zweite Haut. So kehrt sich das Verhältnis um: Nicht die Natur dient der Mode – die Technologie dient der Natur.
Pilznetzwerke als Inspiration für Haute Couture
Unter unseren Füßen, im Schweigen des Waldbodens, verläuft ein Netz, das die meisten von uns nie sehen. Pilze sind weit mehr als das, was an der Oberfläche erscheint: Ihr eigentlicher Körper ist das Myzel, ein Geflecht hauchfeiner Fäden, das sich kilometerweit durch die Erde zieht und Bäume, Pflanzen und Pilze miteinander verbindet. Wissenschaftler nennen dieses unterirdische Geflecht das Wood Wide Web, das hölzerne Weltnetz, über das Pflanzen Nährstoffe austauschen und sogar Signale senden.
Genau diese verborgene Welt verwandelte Iris van Herpen in ihre Kollektion Roots of Rebirth. Inspiriert vom BuchEntangled Life des Biologen Merlin Sheldrake, ließ sie über die Körper ihrer Modelle filigrane Wurzeln, Sporen und Pilz-Lamellen wachsen aus Spitze, Seide und lasergeschnittenem Geflecht, das sich wie lebendiges Myzel über die Haut legt.
Was van Herpen daran faszinierte, war nicht nur die Schönheit dieser Muster, sondern auch ihre Intelligenz. In Interviews betonte sie, wie stark sie Merlin Sheldrakes Buch Entangled Life geprägt habe und wie Pilze selbst unsere Wahrnehmung und Denkweise beeinflussen können. Die Botschaft der Kollektion ist so schlicht wie tief: Alles ist verbunden. Auch wir sind Teil dieses Netzes.
Vom Nervensystem bis zum Kosmos
Manchmal genügt ein Perspektivwechsel, um das Vertraute fremd erscheinen zu lassen. Die Verästelung unserer Nervenbahnen erinnert an Flussdeltas, Wurzelsysteme oder die feinen Linien, die sich über Landschaften ziehen. Betrachtet man die Erde aus der Vogelperspektive, entstehen ähnliche Muster: Flüsse verzweigen sich wie Adern, Küstenlinien erinnern an neuronale Netzwerke, und selbst aus dem Weltraum betrachtet scheint der Planet von einem lebendigen Geflecht durchzogen zu sein.
Vielleicht fasziniert uns diese Ähnlichkeit so sehr, weil sie auf etwas Grundsätzliches verweist: Die Natur erfindet ihre Formen nicht immer wieder neu. Sie wiederholt, variiert und entwickelt dieselben Prinzipien auf unterschiedlichen Ebenen: im menschlichen Körper ebenso wie in Ozeanen, Landschaften oder Galaxien.
Genau diese verborgenen Verbindungen macht Iris van Herpen sichtbar. In Sensory Seas erinnern ihre Entwürfe an die fließenden Bewegungen des Wassers und die feinen Verästelungen des Nervensystems. In Ludi Naturae richtet sie den Blick auf die Erde selbst und entdeckt in ihren Landschaften dieselben Muster von Ordnung und Komplexität. Wissenschaft, Natur und Kunst erscheinen dabei nicht als Gegensätze, sondern als unterschiedliche Ausdrucksformen derselben Sprache.
Wie van Herpen selbst sagt: „Die Technik ist einfach – die Natur ist komplex.“*
Der Duft der Zukunft
Mode formt nicht nur, wie wir aussehen, sie formt, was wir uns vorstellen können. Sie verschiebt die Grenze dessen, was wir für möglich halten. Wenn ein Kleid aus der Plastik der Ozeane über den Laufsteg gleitet oder im Licht lebender Algen zu atmen scheint, dann ist das mehr als Couture: Es ist ein Entwurf von Zukunft, zum Anfassen nah.
Iris van Herpen erzählt keine Geschichte über die Natur – sie lässt die Natur mitschreiben. Fraktale, Myzel, Algen, die Haut der Erde: In ihren Händen wird Wissenschaft zu Schönheit und Schönheit zu einer leisen Hoffnung.
Vielleicht ist das die eigentliche Gabe der Mode, dass sie uns ahnen lässt, was kommt, bevor der Verstand es benennen kann. Die Zukunft liegt längst in der Luft. Man muss sie nur spüren.
* Van Herpen, I. (2023), Interview Interview Magazine auf https://www.interviewmagazine.com/uncategorized/iris-van-herpen-brooklyn-museum-retrospective-fashion (aufgerufen am 22. Juni 2026)









