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Lifestyle & Gesellschaft Soziales Engagement

Menstruation:
Schluss mit dem Tabu!

Menstruation ist noch immer ein Tabuthema und sorgt weltweit für Ungerechtigkeit: Sei es durch überteuerte Preise bei Hygieneprodukten, unangebrachte Kommentare oder gesellschaftliche Ausgrenzung. Durch innovative Ideen und mit lauter Stimme versuchen Menschen weltweit, das zu ändern.

Text Lisa Rupp

Menstruieren war in Deutschland bis vor Kurzem purer Luxus. Einmal im Monat gönnten sich Men­schen mit Menstruationshintergrund ein paar Tage, an denen sie Luxusgüter in ihren Körper einführten, die später wieder durch ein neues ersetzt wurden. Doch damit ist nun Schluss. Nicht mit dem Vorgang an sich, aber mit dem Luxus.

Halbierte Pampelmuse als Symbolbild für Menstruation

Menstruation wird noch immer als Tabuthema behandelt. Foto © Zingan / Shutterstock.com

Nachdem die Stimmen gegen die hohe Besteuerung von Tampons, Binden und Co. immer lauter wurden, gab es zum Januar 2020 den Beschluss: Auf Produkte für Monatshygiene fällt nun eine geringere Steuer – sieben statt 19 Prozent – an. Keine große Sache, möchte man meinen. Schließlich waren und sind uns andere Länder schon lange voraus. Kanada, Kenia und demnächst auch Großbritannien beispielsweise besteuern diese Produkte gar nicht.

Wer blutet, ist im Nachteil

Wir sind noch lange nicht am Ziel, wenn es um weibliche Körperfunktionen geht. Sie sind ein Tabuthema. In manchen Ländern und Kulturkreisen geht das Unbehagen mit der Regelblutung sogar soweit, dass Frauen als unrein gelten und währenddessen das Haus nicht verlassen dürfen oder können. Noch immer gibt es Frauen in vielen Regionen der Erde, die keinen Zugang zu diesen Produkten haben, über deren Besteuerung hierzulande diskutiert wurde.

Viele der Betroffenen greifen letztendlich auf alte, dreckige Stofffetzen, Laubblätter oder sogar Sand zurück, um die Ausscheidungen aufzufangen. Es ist noch ein weiter Weg, bis Frausein und Menstruation mit allem, was dazu gehört, kein Nachteil mehr ist. Doch die ersten Schritte werden bereits gegangen: Weltweit finden Menschen zusammen, die sich dafür einsetzen, die Lebensumstände insbesondere in Ländern, in denen die Regelblutung etwas Schlimmes darstellt, für Menstruierende zu verbessern.

Einer dieser Aktivisten ist Ziyaan Virji aus Tansania. Im Alter von 17 Jahren hat er eine nachhaltige Binde entwickelt. Bis zu drei Jahre lang ist sie wiederverwendbar und mit einem Kostenaufwand zwischen vier und acht Euro zudem effizient in der Herstellung. Die Idee dazu kam dem jungen Mann bei einem Schulprojekt. Inspiriert hatte ihn eine kurze Dokumentation über den Inder Arunachalam Muruganantham, der für seine Ehefrau erschwingliche Damenbinden produzieren wollte und letztlich eine Maschine entwickelte, mit der Frauen in Entwicklungsländern selbst hygienische Binden herstellen können.

Regelwerk der Gleichberechtigung

Ziyaan wollte noch einen Schritt weiter gehen. Seine Idee: eine nachhaltige Alternative zu Einwegprodukten. Noch dazu sollte sie optisch nicht auf den ersten Blick als ein Artikel für Monatshygiene erkennbar sein, um falscher Scham vorzubeugen. Seine Pads sind zudem biologisch abbaubar und werden von Näherinnen lokal hergestellt. Dadurch variieren die natürlichen Materialien, da nicht überall die gleichen Rohstoffe verfügbar sind.

 

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Was mit einem Schulprojekt begann, ist nun eine Organisation, die vor allem in Kenia, Tansania, Indien, den Vereinigten Emiraten, Pakistan und Nigeria aktiv ist. Insgesamt 17 Teams aus jungen Erwachsenen haben sich mittlerweile gebildet, um Ziyaan zu unterstützen. Sie gehen in Schulen, klären auf, leiten Workshops und verteilen kostenlose Sets mit Binden, spezieller Unterhose, Seife und Aufbewahrungsmöglichkeiten. In einem Video erklärt Ziyaan seine Motivation: „Wenn man darüber nachdenkt, wäre keiner von uns ohne den Periodenzyklus am Leben. Also lasst uns darüber reden!“

Darüber zu reden und aufzuklären, ist wichtig, um das Thema Menstruation aus der Schmuddelecke zu holen. Auch in Europa setzen sich Frauen und Menstruierende dafür ein, dass der weibliche Zyklus kein Argument für ungleiche Behandlung zwischen den Geschlechtern sei – beispielsweise durch eine niedrigere Besteuerung von Tampons, Binden und deren Alternativen.

Aufgeschnittene Blutorangenscheiben symbolisieren menstruierende Personen.

Die Hälfte der Menschheit menstruiert, die andere Hälfte würde ohne den Zyklus nicht existieren. Foto © Melica / Shutterstock.com

Zwei Frauen, die in Deutschland für das Thema einstehen, sind die Gründerinnen von The Female Company. Ann-Sophie Claus und Sinja Stadelmaier erkannten, dass auch in unserem fortschrittlichen Selbstverständnis noch immer einiges falsch läuft. Auf ihrer Internetseite kritisieren sie beispielsweise, dass Hersteller nicht angeben müssen, welche Inhaltstoffe in einem Tampon zu finden sind. Ebenso störten sich die Stuttgarterinnen an der hohen Besteuerung, die sie für ihre eigenen Produkte geschickt umgingen: Bücher sind seit jeher als Güter für den täglichen Bedarf mit sieben Prozent besteuert. Deswegen gestalteten sie die Verpackung für ihre Biotampons als solche: 50 Seiten Geschichten sowie Informationen rund um das Thema Regelblutung und eine Aussparung für das Produkt selbst. Mit The Tampon Book ermöglichten Ann-Sophie und Sinja nicht nur einen günstigeren Preis, sondern rückten die höhere Besteuerung zudem in den Fokus der Öffentlichkeit. Mit Erfolg.

Ein anderes Produkt, das im April 2021 für Aufsehen sorgte, zeigt jedoch, dass der Umgang mit dem Periodenzyklus noch kein selbstverständlicher ist: In der TV-Show Die Höhle der Löwen präsentierten zwei Herren einen pinkfarbenen Einweg-Plastikhandschuh. So könnten Periodenprodukte während der Menstruation aus dem Körper entfernt, eingewickelt und entsorgt werden könne – ohne, dass sich jemand an dem Anblick von Menstruationsblut im Mülleimer stören müsse. Die Empörung im Internet folgte prompt: Anstatt die Menstruation zu enttabuisieren, wird sie weiter versteckt – in einem pinkfarbenen Plastikhandschuh, der zusätzlichen Müll produziert.

Jede Frau, jeder Mann, jeder Mensch kann einen Beitrag dazu leisten, die Umstände für menstruierende Personen während der Regelblutung, aber auch ganz allgemein, zu verbessern. Indem offen darüber gesprochen wird und Organisationen, die Aufklärungsarbeit leisten, unterstützt werden. Rund die Hälfte der Erdbevölkerung hat früher oder später regelmäßig damit zu tun. Die andere Hälfte würde ohne sie nicht existieren. Menstruation ist ein natürlicher Prozess und betrifft uns alle.

Läuft. Die Ausstellung zur Menstruation vom 6.10.2023 bis 6.10.2024

Das Museum Europäischer Kulturen in Berlin präsentiert mit Läuft. Die Ausstellung zur Menstruation eine Geschichte des Pragmatismus und der Utopien, des Erfindungsreichtums und Aktivismus. Zu sehen sind 100 historische und brandneue Menstruationsartikel sowie historische Werbeanzeigen, an denen sich die Entwicklung der Periodenprodukte ab 1880 nachvollziehen lässt. Außerdem fächert die Ausstellung Diskurse auf, die Menstruierende seit Jahrzehnten begleiten. Zahlreiche Film- und Musikausschnitte sowie Kunstwerke runden die Ausstellung ab.



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