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Gesundheit & Longevity Mentale Gesundheit

Immer mehr AD(H)S-Diagnosen bei Erwachsenen – Was das für betroffene bedeutet

In den sozialen Medien sieht man häufiger Posts von erwachsenen Menschen, die erst kürzlich eine Diagnose bekommen haben: Aufmerksamkeitsdefizit(-Hyperak­tivitäts)störung. Kurz: AD(H)S (oder auch ADHD). Die Störung tritt bereits im Kindesalter auf. Dass der Befund oft viel später kommt, liegt unter anderem an einem Irrtum. Lange dachte man, die Symptomatik trete nur bei jungen Menschen auf. Heute weiß man: Sie bleibt in der Regel ein Leben lang.

ADHS diagnose aufmacher

Fotocredit © Niphon Subsri via Shutterstock

Kurz und knapp: Was passiert bei ADHS im Körper?

Bei Menschen, die eine ADS oder ADHS haben, liegt eine veränderte Empfindlichkeit bestimmter Rezeptoren im Gehirn auf den Botenstoff Dopamin vor. Er ist zuständig für Zufriedenheit, Belohnung, Entspannung und Ruhe. Je weniger empfindlich die Rezepto­ren sind, desto mehr Dopamin braucht man, um sich gut zu fühlen. Die Symptomatik ist im Grunde dadurch zu erklären, dass Men­schen mit ADHS nach neuen Reizen suchen, um mehr Dopamin ausschütten zu können.

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Wie unterscheiden sich die Symptome bei Kindern und Erwachsenen?

Bei Kindern ist die Hyperaktivität häufig stärker ausgeprägt. Bei Erwachsenen bildet sich das eher zurück. Was bleibt, ist zum Beispiel, dass man mit dem Fuß wackelt, mit dem Kugelschreiber flippt oder man in längeren Besprechungen das Gefühl bekommt, man muss zwischendurch auf­stehen. Im Erwachsenenalter haben die Betroffenen schon eine lange Zeit gehabt, um Ausweichstrategien zu entwickeln.

Ein Kind hat das in der Regel noch nicht. Die Symptomäußerung ist viel unmittelbarer. Sie rennen im Klassenzimmer herum, schmeißen mit dem Mäppchen und häufig ist eine motorische Ungeschicklichkeit Teil davon. Sie werfen Getränke um oder stür­zen mit dem Fahrrad. Oft haben sie weniger Freunde, weil sie ungeduldig und manch­mal jähzornig sind.

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Fotocredit © Prostock studio via shutterstock

Was bedeutet ADHS für den Alltag betroffener Erwachsener?

Krankheitswertig wird es, wenn man Probleme im psychosozialen Umfeld, im Beruf oder in der Partnerschaft hat. Ist die Störung stärker ausgeprägt, kommt es zu einer veränderten Risikowahrnehmung, sodass man weniger über die Konsequenzen des eigenen Handelns nachdenkt. Man kann sich schlechter in die Folgen, die es für an­dere hat, einfühlen.

Die Biografien von Be­troffenen ähneln sich häufig: Es gibt meh­rere Jobwechsel oder viele gescheiterte Beziehungen. Menschen mit ADHS erleben, dass alle Umweltreize in gleicher Intensität gleichzeitig auf sie einstürmen. Das ist der eine Teil. Es ist aber auch eine Art die Welt zu sehen, die dazu führt, dass man sich schnell auf neue Situationen einstellen kann, dass man eher lustig gestimmt ist, schnell Kontakte knüpft und begeisterungs­fähig ist. Auf der anderen Seite können Menschen mit ADHS sich, wenn sie etwas interessiert, wesentlich länger und aus­schließlich auf eine Tätigkeit konzentrieren.

Wie kommt es, dass die ADHS bei manchen Menschen erst im Erwachsenen­alter diagnostiziert wird?

Oft wird schlicht übersehen, dass eine ADHS vorliegt. Auch weil es häufig zu Komorbiditäten (Vor­kommen mehrerer Erkrankungen) kommt. Die Wahrscheinlichkeit für Personen mit ADHS eine andere psychische Störung zu entwickeln, liegt bei 80 Prozent. Das sind im Wesentlichen Angststörungen, depressive Störungen oder Substanzgebrauch.

Behan­delt man die ADHS, werden auch diese Stö­rungen deutlich besser. Manche Menschen kommen erst auf den Verdacht, betroffen zu sein, wenn ihr Kind die Diagnose erhält. Und oft kommen Menschen einigerma­ßen gut durchs Leben, bis etwas passiert, sodass man die Störung nicht mehr mit eigenen Kräften ausbalancieren kann. Fin­det man die richtige Therapie, berichten Betroffene von einer Klarheit im Kopf, dass sie sich selbst anders strukturieren, sich länger konzentrieren und dass vorherige Konflikte nicht mehr auftreten.

Es besteht der Verdacht auf ADHS – was sind die nächsten Schritte?

Häufig informiert man sich erst einmal im Internet. Da gibt es Möglichkeiten, einen Selbsttest zu machen. Erweist er sich als positiv, kann man versuchen, in eine Selbsthilfesituation zu kommen. Für eine Diagnostik muss man sich nicht unbedingt an eine Spezialambulanz wenden. Es gibt immer mehr Ärztinnen und Ärzte, die sich damit befassen.

Der Irrglaube, dass ADHS nur ein Erziehungsproblem oder eine Modediagnose sei, hat sich leider lange gehalten. Das Wissen, dass es sich um eine immer wieder gleich auftretende Störung mit hoher Vererblichkeit handelt, bei der klar festgestellt wurde, woher sie kommt, setzt sich aber langsam durch.

Hilfreiche Adressen für Betroffene und Angehörige findest du am Ende dieses Artikels!

Welche Behandlungsoptionen gibt es neben Selbsthilfegruppen?

Sinnvoll kann zum Beispiel eine Verhaltens­therapie sein. Dort lernt man, Mechanismen und Handwerkszeug zu entwickeln. Man muss klar sagen, dass tiefenpsychologi­sche, analytische Konzepte in diesem Fall nutzlos sind, weil die Ursache einer ADHS eben nicht in Problemen in der Kindheit liegt. Es kann durch ADHS zu Problemen in der Kindheit kommen. Beispielsweise haben Menschen, die eine ADHS haben, häufiger Gewalterfahrungen gemacht. Aber ADHS ist keine Folge einer narzisstischen Mutter oder einer Trennung der Eltern. Die Ursa­che ist nicht rein biografisch.

Unabhängig von der Therapieform ist für Betroffene Aufklärung wichtig. Das ist im Grunde die halbe Miete. Es muss nicht alles direkt medikamentös behandelt werden. Aber viele Betroffene möchten das irgend­wann probieren.

Wenn eine Medikation notwendig ist, wie wirkt sich diese aus?

Die Medikamente setzen im Gehirn an und erhöhen die Empfindlichkeit der Rezeptoren für Dopamin. Bringt man die Empfindlich­keit der Rezeptoren auf ein normales Maß, muss man nicht mehr ständig nach neuen Reizen suchen. Inzwischen gibt es ver­schiedene Medikamente, die im Erwachse­nenbereich zugelassen und gut verträglich sind. Sie machen nicht abhängig, obwohl sie auf Betäubungsmittelrezept verordnet werden müssen. Sie reduzieren häufig das Suchtverhalten von ADHS-Betroffenen. Es ist sehr wichtig, das Thema Medikation zu enttabuisieren, denn für Schwerbetroffene können Medikamente lebensrettend sein.

Was können Angehörige tun?

Angehörige können umso besser unterstüt­zen, umso größer ihr Wissen ist. Wichtig ist, dass man sich sagt: Das ist ein Stö­rungsbild. Das ist kein böser Wille, Faulheit, Dummheit oder Manipulation. Es ist ein Muster. Wenn man das erkennt, wird das Verhalten des Angehörigen sehr viel bere­chenbarer und einschätzbar.

Man kann zum Beispiel Hilfestellung bieten und auf me­dizinische Hilfen hinweisen. Für Eltern ist ebenfalls wissenswert, dass die Gehirne der Betroffenen von ADHS oder ADS im Schnitt fünf bis zehn Jahre länger brauchen, um zu reifen. Das heißt, dass die Ich-Reifung erst später erfolgt. Sie lernen länger nicht aus Fehlern. Sind häufig länger in der Pubertät.

ADHS/ADS bei Kindern:

Das Bundesministerium für Gesundheit geht davon aus, dass etwa zwei bis sechs Prozent der Kinder und Jugendlichen betroffen sind. Charakteristische Symptome sind nach dem ADHS-Infoportal Unaufmerksamkeit, Hyper­aktivität und Impulsivität. ADHS ist ein Spek­trum: Der Schweregrad ist unterschiedlich und kann je nach Lebensbereich variieren. Bei starker Ausprägung sind meist alle Krite­rien unabhängig von der Situation erfüllt.

Hilfreiche Adressen für Betroffene und Angehörige

adhs.info

Website des zentralen ADHS-Netzes für jedes Alter

gesund.bund.de/adhs

Informationswebsite des Bundesministeriums für Gesundheit

adhs-deutschland.de

Selbsthilfeportal für Menschen mit ADHS

juvemus.de

Anlaufstelle für Hilfe zur Selbsthilfe

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