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Gesundheit & Longevity Mentale Gesundheit

Phubbing bei Eltern: Wie Smartphone-Nutzung die Eltern-Kind-Beziehung belastet

Schnell auf Instagram posten, WhatsApp-Nachrichten beantworten oder eine neue Frühlingsjacke online shoppen – machst du das auch manchmal im Beisein deines Kindes? Eine Schweizer Psychologin untersucht, wie sich der Handykonsum von Eltern auf Kinder auswirkt. In diesem Artikel erfährst du was Phubbing ist und was du dagegen machen kannst.

mann auf sofa mit Handy

Fotocredit © imtmphoto via shutterstock

Michael Seidel* fängt gerne Pokémons. Er hat das Spiel auf seinem Handy installiert. Ist der Münchner mit seiner Familie an der Isar unterwegs, lässt er das Augmented-Reality-Spiel oft laufen, während er den Kinderwagen seiner dreijährigen Tochter Luisa* schiebt. Denn nur draußen kann man die wilden Pokémons fangen.

Auf der Karte in seinem Smartphone zeigt es ihm alle Arten an, die sich in der Umgebung befinden. Er muss schnell sein, um sie zu schnappen. Luisa entdeckt währenddessen zwei Enten am Fluss.

Sie dreht sich zu ihrem Papa um. „Schau mal Papa, denen ist gar nicht kalt“, ruft sie. „Hm, ja, gar nicht kalt“, wiederholt er, während er auf sein Handy starrt und mit dem Finger über das Display wischt.

Wie Michael Seidel sich verhält, wird mit dem englischen Begriff Phubbing bezeichnet. Er setzt sich aus den Wörtern Phone für Telefon und Snubbing, auf Deutsch vor den Kopf stoßen, zusammen. „Phubbing bezeichnet die Aktivität, wenn jemand mit seinem Telefon beschäftigt ist, während er sich in einer sozialen Situation befindet“, erklärt die Psychologin Dr. Eva Unternährer.

Sie forscht derzeit an den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel, wie sich der digitale Medienkonsum von Eltern auf Kinder auswirkt. „Dabei untersuchen wir auch das Phänomen Phubbing im Eltern-Kind-Kontext, also wenn Eltern am Smartphone hängen, obwohl sie eigentlich mit ihrem Kind interagieren“, sagt sie. Ihre Smarties-Studie, in der sie die Auswirkungen auf die sozioemotionale Entwicklung von Kindern erforscht, hat sie im Februar beendet. Ende des Jahres sollen die Ergebnisse veröffentlicht werden.

Phubbing bei Kindern: Warum dauernde Handy-Nutzung Stress auslöst

Internationale Studien konnten bereits zeigen, dass elterlicher Handykonsum bei Kindern mit einem höheren Risiko für Verhaltensprobleme einhergeht. „Die Abwesenheit der Eltern ist beim Tippen und Swipen im Vergleich zum Telefonieren besonders hoch“, erklärt Unternährer.

Mal eine WhatsApp-Nachricht im Beisein deines Kindes zu beantworten, sei nicht das Problem, sondern dann kritisch, wenn du so stark abgelenkt bist, dass du über längere Zeit mental abwesend bist, die Bedürfnisse deines Kindes ignorierst oder negativ auf seine Aufmerksamkeitssuche reagierst und es beispielsweise zurechtweist.

Bei Säuglingen und Kleinkindern kann Phubbing ebenfalls Stress verursachen. „Eltern, die am Handy interagieren, zeigen einen verringerten emotionalen Gesichtsausdruck, das scheinen Babys wahrzunehmen“, erklärt Unternährer. Das lasse sich mit dem sogenannten Still-Face-Paradigma vergleichen, einem psychologischen Experiment aus den 1970er-Jahren, bei dem US-Forschende untersuchten, wie Säuglinge auf plötzlich verändertes elterliches Verhalten reagieren.

Eltern wurden dabei aufgefordert, unbeteiligt und neutral zu schauen und nicht mehr mit dem Kind zu interagieren. Die Babys reagierten unruhig, quengelten und versuchten mit Gestik und Stimme, wieder eine Reaktion der Mutter hervorzurufen. „Das Experiment unterstreicht die Bedeutung positiver sozialer Interaktionen zwischen Eltern und Kind“, sagt Unternährer. Diese seien für eine gesunde Entwicklung entscheidend und könnten durch Handykonsum beeinträchtigt werden.

Achtsamer Umgang mit dem Smartphone im Familienalltag

Wenn du dein Handy als Werkzeug nutzt, etwa um online ein Busticket zu kaufen oder dich zum nächsten Spielplatz navigieren zu lassen, kannst du dein Kind dabei einbeziehen. „Ich halte es für sinnvoller, das Kind zu involvieren und ihm zu erklären, was man gerade tut, statt es auszuschließen“, sagt Unternährer.

Statt nebenbei am Handy zu spielen, rät sie außerdem, klare Medienzeiten festzulegen und diese auch zu kommunizieren. „Du kannst deinem Kind sagen: Ich brauche jetzt zehn Minuten, um meine Nachrichten zu beantworten, danach bin ich wieder für dich da.“

Nach Ablauf dieser Zeit solltest du das Handy aber auch wieder weglegen und dich nicht von Instagram und Co. zu weiteren Videos verleiten lassen. „Ich rate zu bewusstem, achtsamem Handykonsum“, betont Unternährer. Gleichzeitig seien klare Regeln wichtig, wann alle – Eltern wie Kinder – ihr Smartphone weglegen.

„Am Esstisch hat das Handy meiner Ansicht nach nichts zu suchen“, sagt sie. Am besten stellst du das Handy auf lautlos, da es schwerer ist, dich zu beherrschen, wenn es ständig vibriert. Eltern haben hier eine klare Vorbildrolle. Wenn du ständig zum Smartphone greifst, übernehmen Kinder dieses Verhalten.

„Gerade in den frühen Jahren sind Eltern die wichtigsten Vorbilder. Studien zeigen, dass der wichtigste Prädiktor für den Bildschirmkonsum von Kindern der vorgelebte Bildschirmkonsum der Eltern ist“, erklärt Unternährer. Wenn du dich also häufig von Smartphone und Co. ablenken lässt, überträgt sich das auf dein Kind.

Neben Forschungsergebnissen und Studien sieht Unternährer noch einen weiteren wichtigen Punkt: Sie ist überzeugt, dass Familien ihre gemeinsame Zeit intensiver wahrnehmen und genießen, wenn Eltern ihr Handy öfter weglegen.

„Am Ende wird niemand die Zeit am Handy vermissen, sondern die Zeit, die man nicht aktiv mit der Familie verbracht hat“, sagt sie. „Meine wichtigste Botschaft lautet deshalb: Schalte dein Handy öfter aus und verbringe stattdessen bewusste Quality Time mit deinen Kindern.“

* Name von der Redaktion geändert.

Tipp: Beobachte dich selbst. Wie oft greifst du zum Handy und zu welchem Zweck, wenn du mit deinem Kind auf dem Spielplatz bist? Schaffst du es, eine Stunde lang nicht zum Smartphone zu greifen?

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